Podiumsdiskussion auf dem Landkirchentag der Grünen Woche 2012

Moderne Tierhaltung - Tiere als Mitgeschöpfe zwischen Wertschöpfung und Wertschätzung

Viele Diskussionsrunden auf der diesjährigen Grünen Woche beschäftigten sich mit dem Themenbereich Tierschutz und moderne Landwirtschaft, Fleischkonsum und Ernährungsverhalten. So auch der Landkirchentag von KLB und EDL, der traditionell am ersten Samstag der Grünen Woche auf dem Erlebnisbauernhof statt fand.

Man durfte gespannt sein, aus welchem Blickwinkel die Kirchen dieses Thema angehen würden. Die geladenen Podiumsteilnehmer versprachen jedenfalls nicht alltägliche Antworten. Der Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers, Ralf Meister, der Leiter des Lehr- und Forschungsgutes der Stiftung TIHO Hannover, Dr. Christian Sürie, die Präsidentin des Rheinischen Landfrauenverbandes, Margret Vosseler, der RLV Vizepräsident Neu und die Agrarreferentin des BUND Reinhild Benning wurden von Ralf Steinert, Chefredakteur der DLZ, befragt.

Die Frage „Mit welchem Auge blicken Sie auf die Nutztierhaltung?“ beantwortete Frau Vosseler als Bäuerin und Verbraucherin mit einem klaren Bekenntnis zur modernen Nutztierhaltung, die sie als verantwortungsvolle Tierhalterin gut vertreten könne. Gleichzeitig beklagt sie jedoch, dass vielen Menschen der Bezug zur Landwirtschaft und elementares Wissen über Ernährung und Landwirtschaft fehle. Vizepräsident Neu, selbst Milchviehhalter, freute sich über den Kuhkomfort in modernen Boxenlaufställen und vielen positiven Entwicklungen in diesem Bereich. Christan Sürie, auf dessen Lehr- und Forschungsgut tausende Verbraucher erstmals Kontakt mit Nutztieren erhalten, sprach von der besonderen Verantwortung Tier haltender Landwirte, von Beruf mit Berufung und appellierte an die Verbraucher mit ihrem Einkaufsverhalten bei Lebensmitteln sich immer die Frage zu stellen: „Was ist mir das Produkt wert?“ 13% Ausgaben für Nahrungsmittel seien entschieden zu wenig!

Landesbischof Meister stellte fest, dass „Romantik in der Landwirtschaft“ der Vergangenheit angehöre. Dies habe er auf vielen Bauernhofbesuchen in seinen Gemeinden erfahren. Bauern hätten eine hohe Verantwortung im Umgang mit Tieren und er betonte, dass es auf die innere Haltung der Menschen ankomme. Erschreckt sei er über die immensen Ausmaße, die moderne Schlachthöfe heute hätten.

Mit der entsprechenden inneren Haltung könne man dieses Gespür für die Tiere auch in großen Ställen bekommen. „Sensibilitäten und Stimmungen spürt ein guter Tierhalter sofort, auch wenn er einen vierzigtausender Hähnchenstall betritt“, so Christian Sürie. Er gab sich keinen Illusionen hin, dass es ein Zurück zu kleineren Einheiten geben werde. „Wenn jeder Deutsche nur ein Hähnchen pro Woche auf dem Speiseplan stehen hat, brauchen wir schon 52 Millionen Hähnchen!“ Kritisch sah er jedoch den gestiegenen Druck auf die Mäster und die sehr kurzen Mastzeiten.

Margret Vosseler sprach davon, dass die Einstellung zum Nutztier auch den Verbrauchern wieder näher gebracht werden müsse. Viele würden Nutztiere mit ihren Haustieren vergleichen und würden die Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Verbraucherverhalten scheuen.

Was ist zu tun?

Bischof Meister betonte, dass die Zukunft der Nutztierhaltung eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sei, wobei Alle für Alle verantwortlich seien. Verbraucher wie Bauern müssen sich über die zukünftigen Wege gemeinsam verständigen. Der Politik komme dabei eine Schlüsselrolle zu. Aufklärung im Schulunterricht und Öffentlichkeitsarbeit als Daueraufgabe, darin sahen alle anderen Teilnehmer die Hauptaufgabe der Zukunft und dann entscheide der Verbraucher.

Beim Thema Futtermittel und Futtermittelimporte waren sich alle Teilnehmer einig, dass dies im Kontext der Grundsatzfragen, Welternährung, Energieversorgung und Klimawandel ein „top politisches Thema“ sei, und im Zusammenhang mit den Grundfragen fairer Handelsregeln zu behandeln sei. Bischof Meister betonte darüber hinaus, dass die Diskussionen über weltweit faire Handelsstrategien nicht auf dem Rücken der deutschen Bauern ausgetragen werden dürfen.

Margret Vosseler stellte fest, dass die beste Futtermitteleinsparung zu erreichen sei, wenn weniger Lebensmittel weggeworfen würden. Man müsse weg kommen von der Erwartungshaltung, dass z.B. um 19.00 Uhr in den Bäckereien noch vollständige Brotsortimente vorgehalten werden müssen.

15 Minuten vor Schluss der Veranstaltung betrat dann Reinhild Benning vom BUND die Bühne. Sie kam gerade von einer Demo vorm Bundeskanzleramt, wo 23 000 Menschen für eine neue Agrarpolitik demonstriert hatten. Der BUND war einer der Hauptinitiatoren der Veranstaltung. Frau Benning wurde in ihrem Statement sehr schnell konkret, forderte die Abschaffung von Kastenständen bei Ferkel führenden Sauen, das Kupieren der Schwänze bei Ferkeln und vieles mehr. Ihrer Ansicht nach sei besonders die moderne Hähnchenmast hauptverantwortlich für die MRSA und ESBL- Problematik. Unsere Nachbarländer Dänemark und die Niederlande hätten längst schon reagiert. Deutschland laufe im Tierschutz und in Gesundheitsfragen hinterher. Konkret forderte sie die Einführung eines staatlichen Tierwohl-Label.

Die von Herrn Steinert souverän moderierte Diskussion war an dieser Stelle leider zu Ende.

Bischof Meister wünschte sich in seinem Schlusswort auch die Würde der Tiere in den Blick zu nehmen. Es gebe Grenzen bei der Funktionszuweisung bei Nutztieren. „Wir müssen Kritik zulassen und es nicht bei Schuld- und Unschuldfragen stehen bleiben!“ so der Bischof.

Das Wohl der Tiere sah auch Margret Vosseler als elementaren Baustein an und erinnerte noch einmal an die besondere Verantwortung der Tierhalter.

Für Reinhild Benning und Herrn Neu geht der Menschenschutz eindeutig vor Tierschutz. Doch die Schwerpunkte konnten unterschiedlicher nicht sein. Der eine sah das Enthornen der Kälber als notwendige Handlung zum Schutz des Tierhalters, die andere forderte eine radikale Abschaffung intensiver Tierhaltungen. Diese seien für Antibiotikaresistenzen beim Menschen mitverantwortlich. Diese zu verhindern sei Menschenschutz.

Damit stand die Diskussion wieder am Anfang. Aber es war ein guter Anfang. Denn die Dialogbereitschaft haben alle signalisiert.

Text: Ulrich Oskamp KLB Diözesanreferent Bistum Münster

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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